Das Zentrale Wesen

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„Der Ausdruck “zentrales Wesen” wird in unserem Yoga gewöhnlich für jenen Teil des Göttlichen in uns angewendet, der alles Übrige stützt und der Tod und Geburt überdauert. Dieses zentrale Wesen hat zwei Formen – über uns befindlich ist es der Jivatman [ātman], unser wahres Wesen, dessen wir uns bewusst werden sobald das höhere Selbsterkennen eintritt; darunter [in uns] ist es das seelische Wesen, das hinter Mental, Körper und Leben [Vital] steht. Der Jivatman befindet sich über der Manifestation im Leben und ist ihr übergeordnet; das seelische Wesen steht hinter der Manifestation im Leben und stützt sie.“
Dies sind Worte von Sri Aurobindo aus ,Briefe über den Yoga‘, Band 1 (ISBN 81-7058-111-7), Seiten 275/276.

Im Integralen Yoga wird das göttliche SELBST, Sri Aurobindo nennt es auch das Zentrale Wesen, in einen evolutionären, das heisst an Geburt und Tod beteiligten Teil (das seelische oder psychische Wesen) und einem nicht-evolutionären Teil, welcher jenseits von Geburt und Tod ist (jīvātman oder ātman), unterschieden.

Viele Traditionen im Yoga unterscheiden nicht zwischen diesen beiden Anteilen. Sie sprechen nur vom göttlichen SELBST oder ātman, dies obwohl in den Schriften (Veden, Upaniṣaden) Hinweise für eine Unterscheidung enthalten sind (mehr dazu weiter unten). Möge dieser Blog-Beitrag diesen Sachverhalt aus der Sicht des Integralen Yoga erhellen.

Da der Integrale Yoga sehr umfassend dokumentiert ist, lasse ich vor allem Sri Aurobindo, der Gründer des Integralen Yoga, in diesem Beitrag zu Wort kommen.

Auszug aus ,Briefe über den Yoga‘, Band 2 (ISBN 81-7058-145-1), Seite 61, von Sri Aurobindo:
„Es ist notwendig, den Unterschied zwischen der sich entfaltenden Seele (dem seelischen Wesen) und dem reinen Ātman, dem Selbst oder Spirit klar zu verstehen. Das reine Selbst ist ungeboren, es durchläuft weder Tod noch Geburt und ist unabhängig von Geburt oder Körper, von Mental, Leben [Vital] oder dieser manifestierten Natur. Es wird durch diese Dinge weder gebunden noch eingeschränkt, noch beeinträchtigt, obwohl es sie annimmt und stützt. Im Gegensatz hierzu ist die Seele etwas, das in die Geburt herabkommt und den Tod durchläuft – obwohl sie selbst nicht stirbt, da sie unsterblich ist – und von einem Zustand zum anderen, von der Erdebene zu anderen Ebenen und wieder zurück zum Erdendasein wandert. Sie schreitet von Leben zu Leben durch eine Evolution fort, die sie zum menschlichen Zustand emporführt und entfaltet in all dem ein Wesen ihrer selbst, das wir das seelische Wesen nennen, welches die Evolution stützt; sie entwickelt ein physisches, vitales und mentales menschliches Bewusstsein als ihre Instrumente der Welterfahrung und eines verhüllten, unvollständigen, doch wachsenden Selbstausdrucks.“

Auszug aus ,Briefe über den Yoga‘, Band 1 (ISBN 81-7058-111-7), Seiten 291/292, von Sri Aurobindo:
„Der Jivatman, der Seelen-Funke und das seelische Wesen sind drei verschiedene Formen der gleichen Wirklichkeit und dürfen nicht miteinander verwechselt werden, da dies die Klarheit der inneren Erfahrung trüben würde.
Der Jivatman oder Spirit besteht selbständig über dem manifestierten oder dem instrumentalen Wesen – er steht über Geburt und Tod und ist immer der gleiche, er ist das individuelle Selbst, der Atman, das ewig wahre Wesen des einzelnen.
Die Seele ist ein Funke des Göttlichen im Herzen der lebenden Geschöpfe der Natur. Sie befindet sich nicht über dem manifestierten Wesen, sondern tritt in die Manifestation des Selbstes ein, sie nimmt an seinem natürlichen, äußeren Werden teil und stützt seine Evolution in der Welt der stofflichen Natur. Zu Beginn bringt sie eine ungeformte Macht göttlichen Bewusstseins mit und mit dieser alle Möglichkeiten, die bislang noch nicht geformt wurden und denen Form zu geben Aufgabe der Evolution ist. Dieser Göttliche Funke besteht in allen lebenden Wesen der Erde, von ihren höchsten bis zu ihren niedersten Geschöpfen.
Das seelische Wesen ist eine spirituelle Persönlichkeit, die von der Seele in ihrer Evolution hervorgebracht wird; seine Entwicklungsphase bezeichnet dasjenige Stadium, das die spirituelle Evolution des Individuums erreicht hat mit seinen unmittelbaren Möglichkeiten für die Zukunft. Es steht hinter der mentalen, vitalen und physischen Natur, es wächst durch deren Erfahrungen und trägt das Bewusstsein von Leben zu Leben. Es ist die seelische Person, caitya puruṣa. Zu Beginn ist es durch die mentalen, vitalen und physischen Teile verhüllt, in seinem Ausdruck durch deren Begrenzungen eingeschränkt und an die Reaktionen der Natur gebunden; doch in dem Maße, wie es wächst, wird es fähig hervorzutreten und Mental, Leben und Körper zu beherrschen. Von diesen ist es, um sich Ausdruck zu verleihen, im gewöhnlichen Menschen noch abhängig und ist nicht fähig, sie zu ergreifen und frei zu gebrauchen. Das Leben des [Menschen-] Wesens ist tierisch und menschlich, nicht göttlich. Sobald jedoch das seelische Wesen mit Hilfe der Sadhana das Übergewicht gewinnen und seine Instrumente frei gebrauchen kann, wird das Streben nach dem Göttlichen vorherrschend und die Umwandlung von Mental, Vital und Körper – nicht nur ihre Befreiung – möglich.

Grafische Darstellung des Zentralen Wesens und sein Einfluss auf den Menschen

Das individuelle SELBST (jīvātman oder ātman) - nicht-evolutionärer Teil des Zentralen Wesens

Definition von jīvātman gemäss Verzeichnis der Sanskrit Ausdrücke im Werk Sri Aurobindos:
„ …. Der jīvātman oder GEIST (im Englischen ,spirit‘ genannt) ist das im Selbst seiende Wesen oberhalb des manifestierten oder instrumentalen Wesens. Er ist erhaben über Geburt und Tod, immer derselbe, das individuelle Selbst oder ātman. Er ist das ewige wahre Wesen des Individuums. Das zentrale Wesen wird nicht geboren und durchläuft auch keine Evolution. Vielmehr lenkt es die individuelle Geburt und Evolution, stellt auf jeder Ebene des Bewusstseins einen Repräsentanten seiner Selbst heraus: den mentalen, vitalen und physischen puruṣa.

Annamaya puruṣa (die innere, wahre Physis) ist der Repräsentant von jīvātman / ātman auf der physischen Ebene und ist dem mūlādhāra cakra (Steissbein Zentrum) zugeordnet.

Definition von annamaya puruṣa gemäss Verzeichnis der Sanskrit Ausdrücke im Werk Sri Aurobindos:
„Das physische bewusste Wesen; das eigentliche physische Bewusstsein im Menschen; die materialisierte Seele, deren Leben und Mental sich aus der Unwissenheit und Trägheit des materiellen Prinzips heraus entwickelt haben und deren fundamentalen Beschränkungen unterworfen sind. Die Seele im Körper ist das physische bewusste Wesen, das das Leben und das Mental in der für die physische Erfahrung charakteristischen Weise verwendet, nicht über das Leben des Körpers hinausschaut und (insofern sie überhaupt etwas jenseits ihrer physischen Individualität empfindet) nur das physische Universum und höchstens ihr Einssein mit der Seele der physischen Natur wahrnimmt.“

Prāṇamaya puruṣa (das innere, wahre Vital) ist der Repräsentant von jīvātman / ātman auf der vitalen Ebene und ist dem maṇipūra cakra (Nabel-Zentrum) zugeordnet.

Definition von prāṇamaya puruṣa gemäss Verzeichnis der Sanskrit Ausdrücke im Werk Sri Aurobindos:
„Das vitale Wesen oder das Lebens-Wesen, das eine Projektion des Göttlichen puruṣa ist; die Vital-Seele und das Vital-Bewusstsein im Menschen, in deren Natur die Lebensenergie die mentalen und physischen Prinzipien tyrannisiert.
Die Seele ist im Leben jenes bewusste Wesen, das über die Dauer und die Begrenzungen des Lebens hinaussehen und vorausschauen kann; sie steht in Identität mit dem universalen Vital-Wesen, schaut aber nicht weiter als nur auf ein ständiges vitales Werden in der Zeit.
Das Wesen hinter der Kraft des Lebens erzeugt in dessen äußerer Form in der Unwissenheit die Wunsch-Seele, die die meisten Menschen beherrscht; irrtümlich meinen sie oft, das sei die wahre Seele.“

Manomaya puruṣa (das innere, wahre Mental) ist der Repräsentant von jīvātman / ātman auf der mentalen Ebene und ist dem ājñā cakra (Stirn Zentrum oder verlängertes Mark) zugeordnet.

Definition von manomaya puruṣa gemäß Verzeichnis der Sanskrit Ausdrücke im Werk Sri Aurobindos:
„Die mentale Person; die Mental-Seele und das Mental-Bewusstsein im Menschen. Die Mental Seele, in deren Wesen die Klarheit und erleuchtete Macht des Mentals in eigener Vollmacht handelt, unabhängig von jeder Einschränkung oder Unterdrückung durch die vitalen oder körperlichen Instrumente; vielmehr regiert und determiniert sie vollständig die Gestaltungen ihres Körpers und die Mächte ihres Lebens.“

Die oben stehende Grafik soll helfen, die Wirkungsweise der drei puruṣas besser verständlich zu machen. Hier noch eine weitere Erklärung von Sri Aurobindo zu den drei inneren, wahren Bestandteilen (puruṣas):

Auszug aus ,Briefe über den Yoga‘, Band 1 (ISBN 81-7058-111-7), Seite 312, von Sri Aurobindo:
„In gewisser Weise sind die verschiedenen Wesen oder Purushas in uns seelische, mentale, vitale und physische Projektionen des Atman [jīvātman], doch gewinnt dies erst dann volle Bedeutung, wenn wir uns unserem inneren Wesen zuwenden und unsere innere Wahrheit erkennen. An der Oberfläche, in der Unwissenheit ist es die mentale, vitale und physische Prakriti [Natur], die handelt, und der Purusha wird gleichsam in diesem Handeln der Prakriti außer Kraft gesetzt. Wir sind uns unseres wahren mentalen Wesens, unseres wahren vitalen Wesens, unseres wahren physischen Wesens nicht einmal bewusst; diese bleiben im Hintergrund, verhüllt und schweigend. Es ist das mentale, vitale und physische Ego, das wir für unser Wesen halten, bis wir zur Erkenntnis gelangen.“

Das seelische oder psychische Wesen – evolutionärer Teil des Zentralen Wesens

Das nebenstehende Bild zeigt schematisch die menschliche Existenz mit Physis, Vital und Mental. Die Seele oder das seelische Wesen liegt verborgen im Innern (anāhata cakra – Herz-Zentrum) und die meisten Menschen sind sich des seelischen Wesens nicht bewusst, da ihr Leben durch ein egozentrisches Leben bestimmt wird.

Durch Achtsamkeit und Hingabe kann das Öffnen des Herzzentrums bewirkt werden und die Seele kann in den Vordergrund treten.

Sri Aurobindo erwähnt in ,Briefe über den Yoga’ Band 1, Seite 275: „Die natürliche Haltung des seelischen Wesens ist, sich als Kind zu fühlen, als Sohn Gottes, als bhakta; es ist Teil des Göttlichen, essentiell eins mit Ihm, doch in der Dynamik der Schöpfung, ja sogar in der Identität, besteht immer die Verschiedenheit.

Bemerkung:
Das griechische Wort für Seele ist ,Psyche‘, deshalb verwendete Sri Aurobindo für das seelische Wesen den Begriff ‘psychic being‘. In den deutschen Übersetzungen von Sri Aurobindos Werken kommt manchmal der Begriff ,psychisches Wesen‘ vor. Dies ist aber eher verwirrend, da der heutige Begriff ,Psyche’ die Gesamtheit der geistigen Eigenschaften meint und nicht die innere Seele im Sinne von Spirit oder Soul.

Sri Aurobindo in ,Briefe über den Yoga‘, Band 3 (ISBN 81-7058-413-2), Seite 266:
„Das seelische Wesen ist im Herz-Zentrum in der Mitte der Brust (nicht im physischen Herzen, denn alle Zentren liegen an der Mittellinie des Körpers), es ist jedoch tief dahinter verborgen. Wenn man sich vom Vital zur Seele wendet, ist es, als würde man tief, tief hinuntergehen, bis man diese innere Stätte der Seele erreicht hat. Die Oberfläche des Herz-Zentrums ist der Ort des emotionalen Wesens; von dort wendet man sich der Tiefe zu, um die Seele zu finden. Je tiefer man geht, desto intensiver wird die seelische Glückseligkeit, die du beschreibst.“

Sri Aurobindo in ,Briefe über den Yoga‘, Band 3 (ISBN 81-7058-413-2), Seite 244:
„Das seelische Wesen ist immer vorhanden, wird aber nicht gefühlt, da es vom Mental und Vital verdeckt ist; wenn es nicht länger verborgen ist, sagt man, es sei erwacht. Sobald es erwacht ist, beginnt es, das übrige Wesen zu ergreifen, zu beeinflussen und zu wandeln, so dass alles zum wahren Ausdruck der inneren Seele werden kann. Diese Veränderung wird die innere Wandlung genannt. Es kann keine Wandlung ohne das Erwachen des seelischen Wesens geben.“

Sri Aurobindo in ,Briefe über den Yoga‘, Band 1 (ISBN 81-7058-111-7), Seite 303:
„Das seelische Wesen entfaltet sich [im Laufe von Geburt und Wiedergeburt], es ist daher nicht unveränderlich.
Das seelische Wesen ist hauptsächlich die Seele der Individualität, die in der Manifestation die individuelle Prakriti [Natur] entfaltet und an der Evolution teilnimmt. Es ist jener Funke Göttlichen Feuers, der hinter Mental, Vital und dem Physischen als seelisches Wesen wächst, bis es fähig ist, die Prakriti der Unwissenheit in eine Prakriti des Wissens umzuwandeln.“

Sri Aurobindo in ,Briefe über den Yoga‘, Band 1 (ISBN 81-7058-111-7), Seite 248:
„ … Reinheit, einfache Aufrichtigkeit und die Fähigkeit zu einer unegoistischen, unvermischten Selbstdarbringung ohne Anspruch oder Forderung sind die Voraussetzung für ein gänzliches Sich-Öffnen des seelischen Wesens.“

Wie das unsterbliche, seelische Wesen von Leben zu Leben inkarniert und sich dabei ständig weiterentwickelt, ist im Blog-Beitrag ‘Leben – Tod – Reinkarnation‘ aus der Sicht des Integralen Yoga beschrieben.

Erwähnung des seelischen Wesens in den indischen Schriften

Gemäss Sri Aurobindo lautet der Sanskrit-Begriff für das seelische Wesen ,Caitya Purua’.

Sri Aurobindo in ,Briefe über den Yoga‘, Band 1 (ISBN 81-7058-111-7), Seiten 300 – 313:

„Das seelische Wesen würde in der indischen Sprache als der Purusha im Herzen bezeichnet werden, als Chaitya Purusha: doch mit Herz ist das innere oder geheime Herz gemeint, hṛdaye guhāyām, und nicht das äußere, vital-emotionale Zentrum.“

„Die Seele und das seelische Wesen sind praktisch das gleiche, wobei sogar in jenen, die kein seelisches Wesen entwickelt haben, dennoch ein Funke des Göttlichen ist, der als Seele bezeichnet werden kann. Das seelische Wesen wird im Sanskrit der Purusha im Herzen genannt oder der Chaitya Purusha. (Das seelische Wesen ist die Seele, die sich in der Evolution entwickelt.) …“

Gemäss Sri Aurobindo wird das seelische Wesen in der Kaṭha-Upaniṣad, 2.3.17 als der daumengrosse Purua (daumengrosses Wesen) wie folgt beschrieben:

aṅgusṭhamātraḥ puruṣo’ntarātmā sadā janānām hṛdaye sanniviṣṭaḥ
taṁ svāc charīrāt pravṛhen muñjād iveṣīkāṁ dhairyeṇa
taṁ vidyāc chukram amṛtaṁ taṁ vidyāc chukram amṛtaṁ iti.

Übersetzung:
Der purusha von der Größe eines Daumens, das innere Selbst, wohnt immer im Herzen aller Lebewesen.
Man sollte Ihn aus seinem eigenen Körper herausziehen, so wie man das Mark aus einem Schilfrohr zieht.
Man sollte Ihn als rein und unsterblich erkennen.“

Das seelische oder psychische Wesen kann gemäss Sri Aurobindo mit dem vedischen Agni (Gott des Feuers) gleichgesetzt werden. Agni wird im Ṛgveda (Rigveda) am zweitmeisten angerufen (218x), auch das erste Wort, das im Ṛgveda vorkommt ist Agni. Die erste Hymne des Ṛgveda lautet:

agnim īle purohitaṁ yajñasya devam ṛtvijam hotāram ratnadhātamam

Übersetzung:
„Agni rufe ich an als Bevollmächtigten (purohita), als Gott-Priester des Opfers, als Hotar, der am meisten Lohn einbringt.“