In der Taittirīya-Upaniṣad werden die 5 Verhüllungen (Sanskrit: kośa) von Ātman, der unvergänglichen göttlichen Seele, wie folgt aufgeführt:
- Annamaya kośa, die Verhüllung durch den physischen Körper.
- Prāṇamaya kośa, die Verhüllung durch die Lebensenergie (Vital).
- Manomaya kośa, die Verhüllung durch das Denkbewusstsein (Mental).
- Vijñānamaya kośa, die Verhüllung durch das Erkenntnisbewusstsein.
- Ānandamaya kośa, die Verhüllung durch die Erfahrung von Wonne.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Dieser Beitrag spiegelt vor allem die Sichtweise des Integralen Yoga gemäss Sri Aurobindo, welche von den Kommentaren der traditionellen Yoga-Systeme teilweise abweicht.
Für Sri Aurobindo sind die kośas (Hüllen) nicht nur statische Schichten der Persönlichkeit, sondern Gradationen des Bewusstseins, die im Prozess der spirituellen Evolution transformiert werden müssen. Er bezieht sich dabei stark auf die Taittiriya Upanishad, deutet die Begriffe jedoch im Kontext seines Integralen Yoga neu, um die Verbindung zwischen Materie und dem Supramentalen zu erklären.
Definition von Wilfried Huchzermeyer im Yoga Lexikon:
„Kosha [kośa] m Hülle, Überdeckung, Gefäß. Das Konzept der fünf Koshas, die das höchste göttliche Selbst umkleiden, geht ursprünglich auf die Taittirīya-Upanishad zurück, obwohl dort der Begriff Kosha noch nicht verwendet wird, sondern die Hüllen jeweils als der physische, der feinstoffliche etc. Ātman bezeichnet werden. ….“
Bei den kośas (Umhüllungen) handelt es sich um eigentliche Seinsbereiche oder Bewusstseinswelten (lokas). Die Taittirīya-Upaniṣad nennt nur fünf davon, siehe oben.
Eigentlich gibt es sieben verschiedene Bewusstseinsebenen. Da caitanyamaya (cit) und satyamaya (sat) bereits der höchsten göttlichen Ebene angehören und Teile von Ātman sind, gelten diese nicht mehr als Umhüllungen.
Diese sieben Seins- oder Bewusstseinsebenen werden in den verschiedenen heiligen Schriften Indiens unterschiedlich bezeichnet. Siehe dazu unten stehende Tabelle der sieben Bewusstseins-Welten (lokas) mit Bezeichnungen gemäss Veden, Vedānta (Upaniṣaden) und Purāṇas.
| Bewusstseins-Sphäre: | Englische Bezeichnung: | Purāṇas: | Vedānta: | Veden: |
| SAT (Unendliches Sein) | SAT (Infinite Being) | satya / satyaloka | satya | ohne Namen erwähnt |
| CIT (Bewusstsein) | CIT (Consciousness) | tapas / tapoloka | caitanya | ohne Namen erwähnt |
| ĀNANDA (Seligkeit) | ĀNANDA (Bliss) | jana / janaloka | ānanda | ohne Namen erwähnt |
| Supramental | Supermind | mahas / maharloka | vijñāna | bṛhad dyau (satyam ṛtam bṛhat) |
| Mental | Mind | svar / svarloka | manas | dyau |
| Vital | Vital | bhuvaḥ / bhuvarloka | prāṇa | antarikṣa |
| Physis | Physic | bhūḥ / bhūrloka | anna | pṛthvī |
Die Taittirīya-Upaniṣad beschreibt zudem, dass hinter jedem dieser kośas (Hüllen), die göttliche Seele (Ātman) in einer entsprechend modifizierten Form als Puruṣa verborgen ist und dort residiert (wohnt).
- in annamaya kośa residiert annamaya puruṣa
- in prāṇamaya kośa residiert prāṇamaya puruṣa
- in manomaya kośa residiert manomaya puruṣa
- in vijñānamaya kośa residiert vijñānamaya puruṣa
- in ānandamaya kośa residiert ānandamaya puruṣa
Ātman, das unvergängliche göttliche SELBST
Definition von Wilfried Huchzermeyer im Yoga Lexikon:
„Ātman m das unvergängliche Selbst, die Seele. Der Gedanke eines unsterblichen transzendenten Selbstes wird bereits in den ältesten Upanishaden ausgesprochen und ist von großer Bedeutung für den Vedānta und Yoga. ….
In der Taittirīya-Upaniṣad wird ausgeführt, dass das höchste Selbst von fünf Hüllen umgeben sei, die sich – ausgehend vom Grobstofflichen – immer mehr verfeinern.
Viele Texte erklären, dass es unmöglich sei, das Selbst verbal zu erfassen und zu beschreiben, es enthülle sich in seiner Realität nur in der ureigenen Erfahrung des Selbstes durch das Selbst.
Das Wort Ātman trägt im Sanskrit nicht notwendigerweise die bekannte spirituelle Bedeutung, sondern kann in anderen Zusammenhängen auch das gewöhnliche menschliche Selbst bezeichnen oder reflexiv für <sich> stehen.
Manchmal wird auch die Schreibweise Ātmā gebraucht. d.h. der Nominativ Singular des Wortes, während Ātman der Stamm ist …“
Detaillierte Informationen über Ātman siehe auch mein Blogbeitrag Das Zentrale Wesen.
Die fünf Umhüllungen von Ātman in der Taittirīya-Upaniṣad
Auszug aus dem Yoga Lexikon von Wilfried Huchzermeyer:
„Taittirīya-Upanishad [upaniṣad] f eine der ältesten Upanishaden, benannt nach dem vedischen Lehrer Tittiri. Sie erläutert in drei Abschnitten die spirituellen Grundlagen der Phonetik, den Weg zur Selbsterkenntnis und die Erkenntnis des Brahman.
Diese Upanishad enthält als erste die Lehre von den fünf Koshas oder Hüllen, die das Selbst umgeben.“
Nachstehend werden die Kapitel (anuvāka) 1 – 5, des 2. Abschnitts (ānanda–vallī) der Taittirīya-Upaniṣad wiedergegeben, in denen die fünf Umhüllungen (kośas) von Ātman beschrieben sind.
Wie oben erwähnt kommt im Text der Begriff kośa (Umhüllung) noch nicht vor, wird aber jeweils mit dem Suffix
-maya, was <bestehend aus> bedeutet, umschrieben.
Sanskrit-Text (wissenschaftliche Umschrift IAST) und deutsche Übersetzung:
Taittirīya-Upaniṣad, 2. vallī, 1. Kapitel:
……
tasmādvā etasmādātmana ākāśaḥ sambhūtaḥ ।
ākāśādvāyuḥ । vāyoragniḥ । agnerāpaḥ । adbhyaḥ pṛthivī ।
pṛthivyā oṣadhayaḥ । oṣadhībhyo’nnam । annātpuruṣaḥ ।
sa vā eṣa puruṣo’nnarasamayaḥ । tasyedameva śiraḥ ।
ayaṃ dakṣiṇaḥ pakṣaḥ । ayamuttaraḥ pakṣaḥ ।
ayamātmā । idaṃ pucchaṃ pratiṣṭhā ।
tadapyeṣa śloko bhavati ॥ 2.1॥
Übersetzung von Sri Aurobindo aus dem Buch: Kena and other Upanishads:
„Dies ist das Selbst [ātman], der Geist [spirit], und aus dem Geist wurde der Äther geboren; und aus dem Äther die Luft; und aus der Luft das Feuer; und aus dem Feuer das Wasser; und aus dem Wasser die Erde; und aus der Erde Kräuter und Pflanzen; und aus den Kräutern und Pflanzen die Nahrung [anna]; und aus der Nahrung wurde der Mensch geboren. Wahrlich, der Mensch, dieses menschliche Wesen, ist aus der Essenz der Nahrung [annarasamaya] geschaffen. Und dies, was wir sehen, ist sein Haupt, und dies ist seine rechte Seite und dies ist seine linke; und dies ist sein Geist [spirit] und sein Selbst [ātman]; und dies ist sein unteres Glied, auf dem er beständig ruht. Davon zeugt die Schrift.“
Taittirīya-Upaniṣad, 2. vallī, 2. Kapitel:
……
tasmādvā etasmādannarasamayāt । anyo’ntara ātmā prāṇamayaḥ ।
tenaiṣa pūrṇaḥ । sa vā eṣa puruṣavidha eva ।
tasya puruṣavidhatām । anvayaṃ puruṣavidhaḥ ।
tasya prāṇa eva śiraḥ । vyāno dakṣiṇaḥ pakṣaḥ ।
apāna uttaraḥ pakṣaḥ । ākāśa ātmā ।
pṛthivī pucchaṃ pratiṣṭhā । tadapyeṣa śloko bhavati ॥ 2.2॥
„Nun gibt es ein zweites, inneres Selbst, das sich von jenem unterscheidet, welches aus der Substanz der Nahrung [annamaya] besteht; es ist aus der Lebenskraft Prana [prāṇamaya] geformt. Und das Prana-Selbst [prāṇamaya puruṣa] erfüllt das Nahrungs-Selbst [annamaya puruṣa]. Nun ist das Prana-Selbst nach dem Bild eines Menschen geschaffen; wie das menschliche Bild dem anderen [annamaya] entspricht, so entspricht es dem Bild des Menschen. Der Hauptatem [prāṇa] ist sein Kopf, der durchdringende Atem [vyāna] seine rechte Seite und der untere Atem [apāna] seine linke Seite; der Äther ist sein Geist [spirit], der sein Selbst [ātman] ist, die Erde ist sein unteres Glied, auf dem er beständig ruht. Davon zeugt die Schrift.“
Taittirīya-Upaniṣad, 2. vallī, 3. Kapitel:
……
tasmādvā etasmāt prāṇamayāt । anyo’ntara ātmā manomayaḥ ।
tenaiṣa pūrṇaḥ । sa vā eṣa puruṣavidha eva ।
tasya puruṣavidhatām । anvayaṃ puruṣavidhaḥ ।
tasya yajureva śiraḥ । ṛgdakṣiṇaḥ pakṣaḥ । sāmottaraḥ pakṣaḥ ।
ādeśa ātmā । atharvāṅgirasaḥ pucchaṃ pratiṣṭhā ।
tadapyeṣa śloko bhavati ॥ 2.3॥
„Nun gibt es noch ein zweites, inneres Selbst, das sich von jenem unterscheidet, welches aus Prana [prāṇamaya] besteht, und aus dem Mental [manomaya] geformt ist. Und das Mental-Selbst [manomaya puruṣa] erfüllt das Selbst des Prana [prāṇamaya puruṣa] . Nun ist das Mental-Selbst nach dem Bild eines Menschen geschaffen; wie das menschliche Bild des anderen [prāṇamaya] ist, so ist es nach dem Bild des Menschen geschaffen. Yajur ist sein Haupt, der Rigveda seine rechte Seite und der Samaveda seine linke Seite; das Gebot ist sein Geist [spirit], der sein Selbst [ātman] ist, Atharvan Angiras ist sein unteres Glied, auf dem er beständig ruht. Davon zeugt die Schrift.“
Taittirīya-Upaniṣad, 2. vallī, 4. Kapitel:
……
tasmādvā etasmānmanomayāt । anyo’ntara ātmā vijñānamayaḥ ।
tenaiṣa pūrṇaḥ । sa vā eṣa puruṣavidha eva ।
tasya puruṣavidhatām ।
anvayaṃ puruṣavidhaḥ । tasya śraddhaiva śiraḥ ।
ṛtaṃ dakṣiṇaḥ pakṣaḥ ।
satyamuttaraḥ pakṣaḥ । yoga ātmā । mahaḥ pucchaṃ pratiṣṭhā ।
tadapyeṣa śloko bhavati ॥ 2.4॥
„Nun gibt es noch ein zweites, inneres Selbst, das von diesem Mental [manomaya] verschieden ist und aus Wissen [vijñānamaya] besteht. Und das Wissen-Selbst [vijñānamaya puruṣa] erfüllt das Mental-Selbst [manomaya puruṣa]. Nun ist das Wissen-Selbst nach dem Bild eines Menschen geschaffen; wie das menschliche Bild des anderen [manomaya] ist, so ist es nach dem Bild des Menschen geschaffen. Glaube ist sein Haupt, Gesetz seine rechte Seite, Wahrheit seine linke Seite; Yoga ist sein Geist [spirit], der sein Selbst [ātman] ist; Mahas [die Gnosis oder das Supramental] ist sein unteres Glied, auf dem er beständig ruht. Davon zeugt die Schrift.“
Taittirīya-Upaniṣad, 2. vallī, 5. Kapitel:
……
tasmādvā etasmādvijñānamayāt ।
anyo’ntara ātmānandamayaḥ । tenaiṣa pūrṇaḥ ।
sa vā eṣa puruṣavidha eva । tasya puruṣavidhatām ।
anvayaṃ puruṣavidhaḥ । tasya priyameva śiraḥ ।
modo dakṣiṇaḥ pakṣaḥ ।
pramoda uttaraḥ pakṣaḥ । ānanda ātmā । brahma pucchaṃ pratiṣṭhā ।
tadapyeṣa śloko bhavati ॥ 2.5॥
„Nun gibt es noch ein zweites, inneres Selbst, das von diesem Wissen [vijñānamaya] verschieden ist und aus Glückseligkeit [ānanda] geformt ist. Und das Selbst der Glückseligkeit [ānandamaya puruṣa] erfüllt das Selbst des Wissens [vijñānamaya puruṣa]. Nun ist das Selbst der Glückseligkeit nach dem Bild eines Menschen geschaffen; wie das menschliche Bild des anderen [vijñānamaya] ist, so ist es nach dem Bild des Menschen geschaffen. Liebe ist sein Haupt; Freude ist seine rechte Seite; Vergnügen ist seine linke Seite; Glückseligkeit ist sein Geist [spirit], der sein Selbst [ātman] ist; das Ewige [brahman] ist sein unteres Glied, in dem er beständig ruht. Davon zeugt die Schrift.“
Interpretation der fünf Umhüllungen (pañcakośa) gemäss Sri Aurobindo
Da die Methoden und das Ziel des Integralen Yoga teilweise von denjenigen der traditionellen Yoga-Systeme abweichen (siehe auch Methoden und Ziel des Integralen Yoga), interpretiert Sri Aurobindo den Text der Taittirīya-Upaniṣad anders, als die meisten Kommentatoren. Das Ziel ist nicht das Verlassen der unteren Hüllen (wie in manchen asketischen Traditionen), sondern deren Göttlichwerdung. Das supramentale Licht soll bis in den physischen Körper (annamaya kośa) herabsteigen und ihn transformieren.
Zum besseren Verständnis des Integralen Yoga gemäss Sri Aurobindo, können auch folgende weiterführende Blog-Beiträge und Webseiten studiert werden:
Sri Aurobindo schreibt in ‚Das Göttliche Leben‘ – zweites Buch, Teil 2, die dreifache Umwandlung (Seiten 307/308):
„Der Geist [spirit], purusha, ist einer; er passt sich aber den Gestaltungen der Natur an. Über jeder Stufe unseres Wesens waltet eine Macht des Geistes. Wir besitzen in unserem Innern – und wir entdecken, wenn wir tief genug nach innen gehen – ein Selbst des Mentals [manomaya puruṣa], ein Selbst des Lebens [prāṇamaya puruṣa], ein physisches Selbst [annamaya puruṣa]. Es gibt ein Wesen des Mentals, einen mentalen purusha, der etwas von sich an unserer Außenseite in den Gedanken, Wahrnehmungen und Aktivitäten unserer Mental-Natur zum Ausdruck bringt. Wir haben auch ein Wesen des Lebens, das etwas von sich in den Impulsen, Gefühlen, Begehren und den äußerlichen Lebens-Aktivitäten unserer vitalen Natur ausdrückt. Und dann gibt es ein physisches Wesen, ein Wesen des Körpers, das etwas von sich in den Instinkten, Gewohnheiten und zum Ausdruck gebrachten Arten des Wirkens unserer physischen Natur äußert. Diese Wesen oder diese Teil-Selbste des Selbsts in uns sind Mächte des Geistes. Darum werden sie durch ihren zeitweiligen Ausdruck nicht begrenzt. Denn was so in eine äußere Form gebracht wird, ist nur ein Bruchteil seiner Möglichkeiten. Aber diese Gestaltung nach außen erschafft eine zeitweilige mentale, vitale oder physische Persönlichkeit, die ebenso wächst und sich entfaltet, wie das psychische Wesen oder die Seele in uns wächst und sich entwickelt. Jede hat ihre besondere Natur und übt auf unser Ganzes ihren Einfluss und ihre Aktivität aus. An unserer Außenseite vermischen sich aber alle diese Einflüsse und dieses ganze Wirken, sobald sie hervortreten. Sie bilden ein Aggregat als vordergründiges Wesen, das eine Verbindung, eine Verschmelzung ihrer aller ist. Das ist eine äußere, beharrende und doch sich dauernd verändernde und bewegende Gestaltung für die Zwecke dieses Lebens und seine begrenzte Erfahrung.“
Sri Aurobindo schreibt in ‚Isha Upanishad‘ (Seite 41):
„Atman, Das Selbst, stellt sich in der siebenfachen Bewegung der Natur unterschiedlich dar, entsprechend dem beherrschenden Bewusstseinsprinzip im Einzelwesen.
- Im physischen Bewusstsein wird Atman das materielle Wesen, annamaya puruṣa.
- Im vitalen oder nervlichen Bewusstsein wird Atman das vitale oder dynamische Wesen, prāṇamaya puruṣa.
- Im mentalen Bewusstsein wird Atman das mentale Wesen, manomaya puruṣa.
- Im über-intellektuellen Bewusstsein, das von Der Wahrheit oder der Kausal-Idee beherrscht wird (im Veda satyam ṛtam bṛhat genannt – Das Wahre, Das Rechte, Das Weite), wird Atman das ideale Wesen oder die Große Seele, vijñānamaya puruṣa oder mahat ātman. (In den Upanishaden wird häufig auf den mahat ātman oder das Weite Selbst verwiesen. Es wird auch bhūmā, das Große, Breite genannt). *)
- Im Bewusstsein, das der Universalen Wonne eigen ist, wird Atman das allselige Wesen oder die all-genießende und all-schöpferische Seele, ānandamaya puruṣa.
- Im Bewusstsein, das dem unendlichen göttlichen Selbst-Gewahrsein eigen ist, das ebenso der unendliche all-bewirkende Wille ist (cit-tapas), ist Atman die All-bewusste Seele, welche Quelle und Herr des Universums ist, caitanya puruṣa.
- Im Bewusstsein, das dem Zustand des reinen göttlichen Seins eigen ist, ist Atman, sat puruṣa, das Reine, Göttliche Selbst.
Der Mensch, der in seinem Wahren Selbst eins ist mit dem Herrn, der allen Formen innewohnt, kann in jeder dieser Zustandsformen des Selbstes in der Welt leben und an dessen Erfahrungen teilhaben. Er kann alles sein, was er will, vom materiellen bis zum all-seligen Wesen. Durch Anandamaya kann er in den Chaitanya und Sat-Purusha eintreten.“
*) Bemerkung: In einigen Yoga-Systemen wird vijñāna mit buddhi (dem denkenden Mental oder der Intelligenz) gleichgesetzt. Gemäss der Lehre von Sri Aurobindo gehören vijñānamaya kośa und ānandamaya kośa bereits einer göttlichen Ebene an. Siehe auch unten stehende Grafik.
Sri Aurobindo schreibt in ‚Die Synthese des Yoga‘ (Seiten 489/490):
„… Der eine Irrtum des durch den Intellekt gebundenen Denkers verwendet vijnana als gleichbedeutend mit dem anderen indischen Begriff buddhi und buddhi als synonym mit Vernunft, dem unterscheidenden Intellekt und der logischen Intelligenz. Die Systeme, die diese Bedeutung akzeptieren, gehen sofort von der Ebene des reinen Intellekts zur Ebene des reinen Geistes über. Man erkennt keine vermittelnde Macht zwischen beiden an, gibt keine mehr gotterfüllten Aktionen des Wissens als die reine Vernunft zu. Man verwechselt die begrenzten menschlichen Mittel, mit denen wir der Wahrheit ins Auge schauen, mit den höchstmöglichen Kraftwirkungen des Bewusstseins, mit seiner allerhöchsten Macht und ursprünglichen Bewegung.
….
Selbst die reinste Vernunft und die erleuchtetste rationale Intellektualität ist noch nicht gnosis. Vernunft oder Intellekt sind nur die niedere buddhi. Diese hängt für ihr Wirken von dem ab, was das SinnenMental wahrnimmt, und von dem, was die mentale Intelligenz begreift. Sie Ist nicht der gnosis gleich, die aus dem Selbst erleuchtet, authentisch und fähig ist, das Subjekt mit dem Objekt einswerden zu lassen. Es gibt tatsächlich eine höhere Form der buddhi, die man das intuitive Mental oder die intuitive Vernunft nennen kann.“
Auch die Zuordnung der fünf Hüllen (kośa) von Ātman zu den drei Körper (śarīra) werden im Integralen Yoga teilweise anders zugeordnet, als in den traditionellen Yoga-Systemen, siehe unten stehende Grafik.
Sri Aurobindo schreibt in ‚Die Synthese des Yoga‘ (Seiten 25/26):
„Außerdem kennt die Terminologie des Yoga einen vielfältigen Status unseres Wesens:
- Den Status unseres physischen und vitalen Wesens, der „grob-stofflicher Körper“ [sthūla śarīra] genannt wird und aus der „Nahrungs-Umhüllung“ [annamaya kośa] und dem vitalen „Gefäß“ oder „Träger“ [prāṇamaya kośa] zusammengesetzt ist.
- Dann haben wir den Status unseres mentalen Wesens, das man den „subtilen Körper“ [sūkṣma śarīra] nennt und allein aus der mentalen „Umhüllung“ und dem mentalen „Gefäß“, manahkosa, besteht.
- Der dritte ist der höchste, göttliche Status des supramentalen Wesens, der als „Kausal-Leib“ [kāraṇa śarīra] bezeichnet wird und aus einem vierten und fünften „Gefäß“ besteht, die als die Träger des Wissens und der Seligkeit dargestellt werden, vijnanakosa und und anandakosa.
……
So ist also der Kausal-Leib (karana), wie sein Name sagt, diese krönende Manifestation gegenüber den beiden anderen, die nur Instrumente sind, der Ursprung und die bewirkende Macht alles dessen, was ihm in der aktuellen Evolution vorausgegangen ist.“
Sri Aurobindo schreibt in ‚Die Synthese des Yoga‘ (Seite 488):
„Wenn wir uns selbst vollkommen transzendieren, verlassen wir die Unwissenheit oder halbe Erleuchtung unseres mentalen bewussten Wesens und erheben uns in ein höheres Weisheits-Selbst und in eine Wahrheits-Macht über ihm, um dort im unbegrenzten Licht göttlichen Wissens zu wohnen. Der mentale Mensch, der wir sind, wird in die gnostische Seele, in die der Wahrheit bewusste Göttlichkeit umgewandelt; er wird zum vijnanamaya purusha. Jene Bergeshöhe unserer höheren Entwicklung ist eine von dem materiellen, vitalen und mentalen Kräfteverhältnis des universalen Geistes hier unten völlig verschiedene Ebene. Mit dieser Umwandlung verändert sich unsere ganze Anschauung, die Erfahrung unseres Seelenlebens und unsere Umwelt. Wir werden in einen neuen Seelen-Status hineingeboren, legen eine neue Natur an. ….“
Seite 509: „Die Upanishad sagt, es stehe uns, nachdem wir das Wissens-Selbst [vijñānamaya puruṣa] oberhalb des Mentals sicher gewonnen und alle niedrigeren Selbste in dieses emporgezogen haben, noch ein anderer und allerletzter Schritt bevor (wobei man sich fragen könnte, ob das für immer die letzte oder nur die letzte praktisch erfassbare, für uns jetzt notwendige Stufe sei): wir sollten unsere gnostische Existenz in das ananda-Selbst, das Seligkeits-Selbst [ānandamaya puruṣa], emporheben und dort die völlige geistige Selbst-Entdeckung der göttlichen Unendlichkeit zur Vollendung bringen. Ananda, allerhöchste ewige Seligkeit, die ihrem Charakter nach etwas ganz anderes und Höheres ist als die intensivste menschliche Freude oder Lust, ist die wesenhafte und ursprüngliche Natur des Geistes.“
Sri Aurobindo in ‚Die Synthese des Yoga‘ (Seite 487):
„Das Selbst der Seligkeit [ānandamaya puruṣa] ist die bewusste Grundlage des vollkommenen saccidananda. Wenn die Seele dorthin gelangt, ist ihr Aufstieg zur Vollendung gekommen.“
Ich danke Wilfried Huchzermeyer für die Durchsicht des Textes und für seine Korrekturvorschläge.


